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Neukölln ist hip – Klischees gibt es allerdings immer noch

Tanja Dickert und Norbert Kleemann von der KGB 44.  Foto: Minou Wallesch

Raubüberfälle, Bars und hippe Touristen – Neukölln hat viel zu bieten. Nicht nur Gutes, das ist klar. Aber der Tourismus boomt und der Kiez löst sich langsam von seinem Brennpunktimage. Überall entstehen neue Hostels, kleine Cafés und Künstlerkneipen.

Auch auf der ITB ist Neukölln neuerdings vertreten. An diesem Morgen mit zwei Kiezbewohnern am „12 Bezirke“-Stand. Einer davon ist Veranstaltungskaufmann Norbert Kleemann. Er lebt seit 16 Jahren in Neukölln und hat die Kreative Gesellschaft Berlin (KGB 44), eine Art Touristinformation in Neukölln, mit auf die Beine gestellt. Den Imagewandel Neuköllns hat er miterlebt. Vor zehn Jahren hat sich noch kein Unternehmen öffentlich dazu bekennen wollen von Neukölln aus zu arbeiten. Dabei gibt es dort schon seit langer Zeit international agierende Unternehmen.

Die KGB 44 kümmert sich seit vier Jahren um die Öffentlichkeitsarbeit und den Tourismus in Neukölln. „Unser Kiez blüht auf und ist eine eigene Welt für sich“, sagt Kleemann. Es zieht viele junge Menschen nach Neukölln: Vor allem Italiener, Spanier und Griechen. Der Kiez ist international. Den multikulturellen Mix der Menschen findet auch Messebesucherin Barbara Rösch gut. Sie steht gerade am „12 Bezirke“-Stand und informiert sich über neue Reiseziele in Berlin. Durch Neukölln ist sie bisher nur mit dem Fahrrad gefahren. Sie interessiert sich für alle Berliner Bezirke. Neukölln würde sie sich also auch anschauen. Nur abends mit dem Fahrrad durch die Neuköllner Straßen fahren, das traut sie sich nicht.

Kleemann weiß, dass noch viel am Image von Neukölln ‘rumgeschraubt werden muss. Trotz des „sozialer Brennpunkt“-Stempels, den Neukölln noch nicht ganz abgewaschen hat, boomt die Künstler- und Kreativenszene. Auch in Neukölln sind schon Orte zu finden, die so hip sind, dass man sich die Neumieten nicht mehr leisten kann. Dazu gehört zum Beispiel der Reuterkiez. Deshalb konzentriert sich die Arbeit der KGB 44 auch auf den Süden Neuköllns, wo sich der Kiez noch im Wandel befindet.

Zu Fuß durch den Kiez

Neue kreative Bewohner bringen auch besondere Attraktionen in den Kiez. Es gibt beispielsweise ein veganes Viertel am Richardplatz. Kleine Cafés, Restaurants und sogar ein Großsupermarkt bieten hier Essen und Getränke, ohne tierische Produkte zu verwenden. Um diese Besonderheiten zu zeigen bietet die KGB 44  Stadttouren nur in Neukölln an. Oft werden sie gefragt, ob sie denn verrückt sind, ihr Angebot auf diesen Kiez zu beschränken. Kleemann findet die Idee hingegen gut. Sie wollen das andere Neukölln zeigen, abseits der Klischees und Vorurteile. Manchmal bekommt die Gesellschaft allerdings auch Anrufe, die nach Klischee-Touren fragen. Sowas machen sie nicht. Die vier Touren werden zu Fuß angeboten. Schließlich kann der Kiez nur richtig auf einen wirken, wenn man ihn auch sieht. In allen Facetten. Auch der Kontakt zu den Kiezbewohnern kommt bei den Touren zustande. Wer will, kann alles aber auch aus dem Bus heraus anschauen.

Abireisen: Abfeiern oder Abchillen?

Abireise-Anbieter wie Ruf locken Schulabgänger mit Partytrips. Foto: Tobias Sauer

Der Markt für Abireisen scheint seit Jahren stabil. Doch in der letzten Zeit sind ruhigere Ziele im Kommen, während Buchungen für Partyhochburgen wie Lloret de Mar stagnieren. Der Beginn einer Trendwende?

Endlich ist das Abitur bestanden, die lange Schulzeit vorbei. Und nun? Seit Jahrzehnten fahren Abiturienten mit ihren Mitschülern noch einmal gemeinsam in den Urlaub, bevor sie Studium oder Ausbildung beginnen. Worum es bei den Fahrten geht, machen die grell bebilderten Kataloge der Reiseveranstalter deutlich: Tanzen, Trinken, Flirten. „Wenn die Abiturienten 13 Jahre Schulzeit ausklingen lassen möchten, heißt das in neunzig Prozent der Fälle: Party, Party, Party!“, sagt Okay Parlar von Ruf-Jugendreisen. Abiturienten, die bei einem Reiseanbieter buchen, wüssten genau, was sie erwartet, meint er. „Wenn man alleine bucht, kann man dagegen nie sicher sein: Sind am Urlaubsort etwa Rentner?“ Auch die Kataloge zeigen: Man bleibt gerne unter sich. „Hier treffen sich ausschließlich Abiturienten und junge Partyhungrige aus ganz Deutschland“, wirbt Ruf für eine Fahrt nach Lloret de Mar an der spanischen Costa Brava, der klassischen Partyhochburg für Abiturienten.

Und auch am Urlaubsort kümmern sich die Anbieter um das richtige Party-Umfeld. Junge Reiseleiter, die bei Ruf „Buddys“ heißen, begleiten die Abiturienten und organisieren vor Ort das Unterhaltungsprogramm. Auf dem Plan stehen unter anderem Ausflüge, zum Beispiel von Lloret nach Barcelona, Beachvolleyballturniere und Disco-Abende. Für die Gäste handeln sie bei Einlass und Getränken Spezialkonditionen aus.

Doch viele Abiturienten gehen nicht wegen, sondern trotz des umfangreichen Partyprogramms auf Abireise. Rosa Peschken, Bruno Dietel und Arne Markuske, Abiturienten am Händel-Gymnasium in Berlin, wollen nach dem Abitur mit ihren Klassenkameraden nach Kroatien an den Strand fahren – eine klassische Abireise. Den dreien geht es allerdings vor allem darum, ihre Freunde noch einmal zu sehen, das Rahmenprogramm spielt dagegen keine große Rolle. „Eigentlich finde ich solche Touren abschreckend“, sagt Rosa. „Aber man muss zum Glück nicht am ganzen Programm teilnehmen, an irgendwelchen Schaumpartys zum Beispiel.“ Cocktails und Unterhaltungsprogramm seien ihm egal, meint auch Arne. „Mir kommt es eher darauf an, entspannt mit meinen Freunden zusammen zu sein.“ Für Kroatien spricht vor allem der Preis. „Kroatien war das billigste Reiseziel, hier gibt es am meisten fürs Geld“, sagt er.

Auch Anbieter wie Ruf registrieren veränderte Reisewünsche. Während Ruf nach eigenen Angaben in den letzten Jahren einen langsamen aber kontinuierlichen Anstieg der Buchungszahlen für Abireisen verzeichnen konnte, würden Party-Ziele wie Lloret de Mar stagnieren. Ruhigere Urlaubsorte seien stattdessen stärker nachgefragt, sagt Ruf-Pressesprecherin Inga Krusch.

Manche Abiturienten entscheiden sich allerdings auch ganz gegen eine Abireise. Zum Beispiel Judith Lau, Abiturientin am Berliner Rosa-Luxemburg-Gymansium. „Das ist nicht mein Urlaub“, sagt sie. „Das Geld, das die Abireise kostet, möchte ich lieber in etwas stecken, das mir mehr Spaß macht, wo ich selber entscheiden kann, was ich mache.“ Für den August plant sie statt einer Woche Party am Strand deshalb eine lange Reise mit dem Zug durch Osteuropa.

Chance für Nachwuchsjournalisten. Presseworkshop young press berichtet täglich von der ITB Berlin 2012

Zum 18. Mal veranstaltet die Thomas-Morus-Akademie Bensberg in Kooperation mit der Messe Berlin einen Presseworkshop auf der weltgrößten Tourismusmesse in Berlin. Als Training on the job bietet der Workshop 15 jungen Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die journalistische oder touristische Vorerfahrungen aus Studium oder Beruf mitbringen und sich um einen der Workshopplätze beworben haben. Unter fachkundiger Begleitung erstellen sie während der ITB Berlin 2012 den Pressedienst young press und vertiefen ihre (reise-)journalistischen Kenntnisse. Mit kritischer Distanz begleitet young press die Tourismusmesse in der Bundeshauptstadt. Das Augenmerk des Pressedienstes, der u.a. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziell unterstützt wird, richtet sich dabei vor allem auf Themen, die sonst eher vernachlässigt werden: Reisebedürfnisse von jungen Leuten, auf sie zugeschnittene Reiseangebote, studentische Tourismusinitiativen und wissenschaftliche Diskussionen.

Betreut werden die jungen Journalistinnen und Journalisten von Dr. Jan-Christoph Kitzler (Deutschlandradio), Christine Berger (freie Reisejournalistin, u.a. National Geographic), Günter Ermlich (freier Journalist, u.a. DIE ZEIT, die tageszeitung, Der Tagesspiegel), Tobias Asmuth (freier Journalist u.a. fluter, FR, Berliner Tageszeitung) und Edith Kresta (die tageszeitung). Die von young press produzierten Artikel werden auf mehreren Social-Media-Portalen wie Social-Media-Portalen wir Xing oder Facebook für spannende Diskussionen rund um das Thema Tourismus sorgen. Zudem werden die Artikel auf der Homepage der ITB Berlin und im Blog der Thomas-Morus-Akademie platziert.

Das Büro von young press befindet sich im Pressezentrum (Zwischengeschoss, Raum 503) und ist vom 7. bis 11. März 2012 täglich von 9.00 Uhr bis 18.00 Uhr besetzt und unter der Rufnummer 0 30 / 30 38 –81 073 erreichbar. Ansprechpartner sind Astrid Ehring, Messe/ITB Berlin sowie Susanna Theunissen von der Thomas-Morus-Akademie Bensberg.

Die Redaktionsmitglieder von young press:

Kristina Czech, Angelica Germanà, Miriam Gutekunst, Katharina Klöber, Jana Rentmeister, Marcel Weyrich,

Community Based Tourism – Chancen und Gefahren

Foto: TO DO! Preisverleihung: Andaman Discoveries. Quelle: Myriel Camp.

Bereits zum 16. Mal wurde dieses Jahr auf der ITB Berlin 2011 der TO DO! Preis für sozialverantwortlichen Tourismus vergeben. Unter den drei Gewinnern war die thailändische Organisation Andaman Discoveries. Sie setzt sich für die Entwicklung der Gemeinden der Küstenregion Phang Nga in Südthailand ein. Eine Möglichkeit diese voranzutreiben sehen sie im Aufbau von Community Based Tourism (CBT). Entstanden ist die Organisation nach dem Tsunami 2004, der Fischern durch die Zerstörung zahlreicher Schiffe die Lebengrundlage nahm.

Community Based Tourism als nachhaltige Form des Tourismus gewinnt immer mehr an internationaler Anerkennung. Aber ist diese Form des Tourismus wirklich nachhaltig, zukunftsträchtig?  Ein Gespräch über Chancen und Gefahren mit dem TO DO! Preisträger Bodhi Garrett, Unternehmensgründer von Andaman Discoveries.

Myriel Camp: Wie werden Gemeinden auf die Möglichkeit des Community Based Tourism als Instrument für Entwicklung aufmerksam gemacht?

Bodhi Garrett: In einigen Gemeinden haben wir im Zuge des Tsunamis Community Based Tourism aufgebaut. Das Konzept hat sich in den benachbarten Gemeinden rumgesprochen und nun wollen viele Gemeinden Tourismus in ihren Dörfern aufbauen. Ein Problem ist, dass es sich mittlerweile zu einem Trend entwickelt und dass das Angebot die Nachfrage weit überschreitet.

Myriel Camp: Auf der TO DO! Preisverleihung betonten Sie die Chancen, die Community Based Tourism für Gemeinden hat, wie zusätzliches Einkommen,  Engagement im Umweltschutz und Stärkung des Traditionsbewusstseins . Sehen Sie auch Probleme hinsichtlich der Umwelt und Kultur, die diese Form des Tourismus mit sich bringt?

Bodhi Garrett: Natürlich hat der Tourismus auch negative Auswirkungen auf die Umwelt, genauso wie jede Form von Entwicklung und Modernisierung negative Auswirkungen auf die Umwelt hat. Der Tourismus jedoch, im Vergleich zu vielen anderen treibenden Modernisierungsfaktoren, führt Einheimischen die Wichtigkeit des Umweltschutzes und Kulturerhalts vor Augen. Schließlich bedingen diese den Tourismus. Bedauernswert ist auch, dass es auf Regierungsebene noch wenig Verständnis für nachhaltigen, partizipativen Tourismus gibt.

Myriel Camp: Wie schaffen es Gemeinden die Aufmerksamkeit der Touristen zu gewinnen?

Bodhi Garrett: Wir produzieren Broschüren über das Tourismusangebot der Gemeinden und vermarkten sie an Reiseveranstalter, die sich dem sozialverantwortlichen Tourismus verschrieben haben. Ziel ist es jedoch, dass sich die Gemeinden in Zukunft selbstständig vermarkten können.

Myriel Camp: Wie lange dauert es im Durschnitt bis sich eine Gemeinde selbstständig vermarkten kann und ohne organisatorische und finanzielle Hilfe von außen zurechtkommt?

Bodhi Garrett: Das ist ganz unterschiedlich und kommt auf die Gemeinde an. Aber ein bis zwei Jahre dauert es mindestens. Andaman Discoveries agiert jedoch auch dann weiterhin als Reisevermittler um Touristen in die Gemeinden zu senden.

Myriel Camp: Hat jedes Gemeindemitglied die Chance am Community Based Tourism teilzunehmen?

Bodhi Garrett: Im Prinzip ja. Um jedoch Gästen einen Homestayaufenthalt anbieten zu können müssen bestimmte Standards erfüllt sein. Fehlt es dem Hauseigentümer an finanziellen Mitteln um diese Kriterien zu erfüllen, leiht ihm die Gemeinde Geld, das er später durch die Einnahmen durch den Tourismus zurückzahlt. Wichtig ist, das Tourismuskonzept unter Einbezug der finanziell schwächsten Mitglieder aufzubauen und es immer wieder entsprechend an die Bedürfnisse aller anzupassen.

Myriel Camp: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen die Community Based Tourism bewältigen muss um sich in Zukunft nachhaltig selbst tragen zu können?

Bodhi Garrett: Die größte Herausforderung ist definitiv Zugang zum Markt zu bekommen und dass die Nachfrage das Angebot bestimmt. CBT muss von den Gemeinden als Instrument für lokale Entwicklung gesehen werden und nicht als Privatunternehmen. Häufig bieten einige wenige Leute einer Gemeinde Homestayaufenthalte an und verkaufen sich nach außen als Community Based Tourism, ohne dabei die Anforderungen dieses Tourismuskonzepts zu erfüllen. Der Begriff CBT wird schnell und häufig missbraucht, ohne dass leisten zu können, was das Konzept eigentlich verspricht.

Myriel Camp: Was machen Sie mit dem Geld, das Sie bei den TO DO! Awards gewonnen haben?

Bodhi Garrett: Das Geld soll dafür genutzt werden, einen neuen Projektkoordinator auszubilden, der für die Ausbildung der einzelnen CBT Gemeinden der Region  zuständig ist. Außerdem soll etwas Geld für Notfälle und weitere Projekte beiseitegelegt werden.

Link: http://www.to-do-contest.org/