ITB 2012 Archiv

Auf den Spuren der Gebrüder Grimm

Quelle: Katharina Czech.

Wem sind die Gebrüder Grimm kein Begriff? Schon in unserer Kindheit werden wir mit ihren Märchen und Sagen in die Welt der Literatur eingeführt. Vor 200 Jahren sammelten die Gebrüder Grimm in Hessen ihre Geschichten und Abenteuer. Aber nicht nur in der literarischen Prosa sind die Gebrüder Grimm zu finden. Merian macht die beiden Geschichtensammler jetzt auch zu Hauptfiguren eines Reiseführers.

Auf  den Spuren der Gebrüder Grimm stellt Merian den Reiseführer zum Thema “Grimm in Hessen” auf der ITB Berlin 2012 vor. Passend dazu wurde Rotkäppchensekt und Schneewittchenkuchen gereicht. Pünktlich zur Leipziger Buchmesse erscheint der literarische Reiseführer auf Deutsch, Niederländisch und als E-Book auch auf Englisch.

Gehen Sie auf Jagdfieber und genießen Sie in den Wäldern Hessens Naturschauspiele, reisen Sie in einer gemütlichen Kutsche durch verwunschene Städte, residieren Sie in Schlössern und genießen märchenhafte Menüs im Zeichen der Gebrüder Grimm.  Flanieren Sie durch das Hessische Lichtenau, das mit seinen kleinen Altstadtgassen und verträumten Hinterhöfen, die von einer Stadtmauer umschlossen sind. Die Stadt bezeichnet sich selbst als „ Tor zum Frau Holle-Land.  Erobern sie den Kunstwanderpfad „Ars Natura“, der die Märchenfiguren Grimms immer wieder aufgreift. Erleben Sie Hessen als Heimat der größten Märchenschreiber,  Jacob und Wilhelm Grimm.

Weltenbummler, Teppichhändler, Entertainer – Doug Lansky kann den Beruf Reisejournalist nicht empfehlen

„Die größten Fehler im Tourismusmarketing … und was wir von ihnen lernen können” – über dieses Thema sprach Doug Lansky auf der ITB Berlin 2012. Bekannt wurde der 40-Jährige als Reisejournalist. Er war in den letzten 20 Jahren in über 120 Ländern unterwegs und schrieb für Zeitungen und Magazine wie die Huffington Post und National Geographic. Auch bei Reiseführern wie Lonely Planet und Rough Guides war er als Autor beteiligt. Mittlerweile ist Doug Lansky vor allem als Redner erfolgreich und sorgt mit seinen unterhaltsamen Präsentationen für ausverkaufte Säle. Auch an Universitäten ist er als Dozent tätig und lehrt dort seine Art des Reisens. Wie er zum Reisejournalismus kam, warum dieser Beruf keine Zukunft hat und wie er eine Alternative für sich gefunden hat, erzählte er im Interview mit Young Press.

Miriam Gutekunst: Was warst du zuerst – Journalist oder Reisender?

Doug Lansky: Das ist eine gute Frage. Eigentlich war ich zuerst Reisender. Aber ich schrieb schon während der Highschool. Ich arbeitete damals bei einer Zeitung. Dann reiste ich das erste Mal und übernahm den Schreibstil, den ich während dieser Zeit gelernt hatte.  

Miriam Gutekunst: Was war deine erste Reise?

Doug Lansky: Das kommt darauf an, was man als Reise versteht. Ich denke das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte gereist zu sein, war, als ich 20, 21 war. Ich studierte damals für sechs Monate in London und den Sommer nutzte ich, um mit dem Zug durch Europa zu fahren. Reisen ist wie Ski fahren: Du beginnst am Anfängerhügel und wagst nach und nach immer schwierigere Pisten. Nach zwei Monaten in Europa war ich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung und landete in Marokko. Ich habe damals in Marrakesch Teppiche verkauft. Da springt wirklich viel Geld heraus.

Miriam Gutekunst: Wie bist du denn dazu gekommen, Teppiche zu verkaufen?

Doug Lansky: Eigentlich habe ich sie nicht wirklich verkauft. Ich hatte im Zug zwei Marokkaner kennengelernt, die ein Teppichgeschäft hatten. Ich bot ihnen an, an die touristischen Plätze zu gehen und dort Kunden zu werben. Ich bin also auf Touristen zugegangen und habe ihnen gesagt: Wenn Sie noch nie in einem Teppichgeschäft waren, müssen sie das unbedingt noch nachholen. Ob heute oder morgen, lassen Sie mich das einfach wissen. Ich bin hier. Ich habe sie dann zu dem Laden geführt und wenn sie fertig waren mit Verhandlungen und Tee trinken, haben sie mir Bescheid gegeben und ich habe sie zurückgeführt. Das war mein Job. Und ich bekam für jeden Touristen Provision.

Miriam Gutekunst: Also hast du in Marokko ziemlich schnell die Seiten gewechselt!

Doug Lansky: Also ich war bei jedem Geschäft ehrlich mit den Leuten. Ich habe gesagt, dass ich etwas verkaufe und damit Geld verdiene. Ich habe nichts versteckt. Aber du hast Recht, ich wurde vom Touristen zum Teppichverkäufer. Und ich habe ziemlich gutes Geld gemacht.

Miriam Gutekunst: Als Nachwuchsjournalistin würde mich interessieren, ist es möglich vom Reisejournalismus zu leben?

Doug Lansky: Es kommt darauf an, was du willst. Es gibt nicht viele Reisejournalisten, die einen besonders hohen Lebensstandard haben. Ich hatte lange Zeit wirklich wenig Geld. Aber heutzutage ist es eigentlich einfacher als je zuvor Reisejournalist zu sein. In Zeiten von Twitter und Blogs kannst du auf eigene Faust über deine Reisen schreiben. Du kannst das machen ohne auf Verlage angewiesen zu sein. Just do it. Veröffentlichungen haben heutzutage keinen Anreiz mehr. In den USA zahlen sie so wenig für einen Beitrag, denn jedermann bloggt und macht es umsonst. Es gibt also keinen Anreiz mehr zu veröffentlichen. Wenn hunderttausend Menschen deine Twittereinträge verfolgen, dann kommen Verlage von selbst auf dich zu und fragen an, ob du für sie schreiben würdest. Sie setzen darauf, dass du den Artikel über Twitter publik machst und deine Follower das lesen. Die Anzahl der Twitter Follower ist die Währung.

Miriam Gutekunst: Machst du deine Arbeit als Redner und Dozent also einfach aus finanziellen Gründen oder auch aus Leidenschaft?

Doug Lansky: Beides. Es zahlt sich schon aus. Das Problem ist, dass meine Begeisterung für Reisejournalismus nachgelassen hat, weil immer und immer wieder die gleichen langweiligen Geschichten gewünscht sind. Das habe ich lange Zeit gemacht. Die Vorträge über das Reisen machen dagegen einfach Spaß. Es macht Spaß auf der Bühne zu stehen. Aber auch wenn ich als Dozent Studenten unterrichte. Wenn ich danach in ihren Augen sehe:  Wow, ich kann jetzt auf Reisen gehen. Ich kann es und zwar auf eine andere Art und Weise und ich werde Einheimische treffen. Ich habe das Gefühl, dass ich bei diesen Studenten etwas bewegen kann. Auch wenn es nur ein paar wenige Menschen sind, es fühlt sich wichtig an. Der Reisejournalismus fühlt sich viel weniger wichtig an.

Miriam Gutekunst: Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der Reisejournalist werden möchte?

Doug Lansky: Er sollte unabhängig und wohlhabend sein. Du musst nette Eltern oder genug Geld haben, um davon leben zu können.

Miriam Gutekunst: Hattest du diese Eigenschaften?

Doug Lansky: Ja, ich hatte Geld. Meine Großmutter ist gestorben als ich die Universität abschloss und sie hat mir Geld hinterlassen. Meine Mutter meinte, ich soll mir ein Auto, eine Wohnung und schöne Kleidung kaufen und mir dann einen Job suchen. Ich sagte: Auf keinen Fall! Also ging ich auf Reisen, weil ich die finanziellen Mittel dazu hatte. Aber ich hatte auch während der Reisen Jobs und arbeitete die ganze Zeit. Deswegen hatte ich bei meiner Rückkehr immer noch Geld und konnte es mir leisten weiter als Reisejournalist zu arbeiten. Du musst eben von etwas leben. Ich hatte versucht vor allem in Länder zu reisen, in denen die Lebenshaltungskosten niedrig sind. Aber du musst ja auch immer wieder zurück nach Hause, irgendwohin, wo es eine gute Internetverbindung gibt. Um Leute zu finden, die dich unterstützen und dir bei der technischen Umsetzung helfen. Man muss Zeit und Geld investieren.  Außerdem sind Leidenschaft  und einfach Talent wichtige Voraussetzungen. Du musst richtig gut darin sein. Man muss sich durch etwas Einzigartiges auszeichnen, durch eine besondere, persönliche Sichtweise. Es gibt keinen richtigen Weg. Du musst deinen eigenen Weg finden. Wenn du den gleichen Weg wie ich gehen würdest, würdest du wahrscheinlich scheitern.

Miriam Gutekunst: Immer mehr Journalisten, vor allem Reisejournalisten, arbeiten sowohl im Journalismus als auch in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Was hältst du von dieser Entwicklung?

Doug Lansky: Ich finde es nicht gut. Ich denke das ist wie die Kirche im Staat und das muss getrennt sein. Ich gehe diesen Weg nicht. Aber ich kenne viele Leute, die es tun. Die meisten arbeiten für beide Seiten.

Miriam Gutekunst: Aber was ist mit deiner Arbeit beim Scandinavian Airlines Inflight Magazin? War das etwa keine PR?

Doug Lansky: Nein, das war etwas anderes. Ich war damals Reiseredakteur. Der Chefredakteur hat nie verlangt, dass die Autoren nach den Wünschen der Airline schreiben. Ein Grund, warum ich irgendwann gekündigt habe, war, dass sich das geändert hat. Sie gaben plötzlich vor über welche Orte wir berichten sollen und da kam ich ins Zweifeln, denn die Airline flog genau diese Orte an. Also war es Zeit zu gehen.

Miriam Gutekunst: Noch eine letzte Frage: Was wird deine nächste Geschichte sein?

Doug Lansky: Ich bringe gerade vier Bücher zu Ende. Zwei davon aktualisiere ich nur. Außerdem bringe ich ein kleines, lustiges Buch heraus, ein Geschenkbuch voll mit kitschigen Souvenirs. Ansonsten schreibe ich immer wieder kleine Reisegeschichten. Wenn ein befreundeter Redakteur mich anfragt etwas zu schreiben, dann mache ich das gerne und gehe wieder auf Reisen.

Politischer Umbruch – Welche Rolle spielt der Tourismus?

Foto: Edith Kresta, Thomas Müller, Nicole Häusler, Dr. Peyman Javaher-Haghighi, Hamed Abdel-Samad, Dr. Wolfgang Aschauer, Burghard Rauschelbach. Quelle: Miriam Gutekunst.

Dass es einen Zusammenhang zwischen politischen Umbrüchen und Tourismus gibt, ist wissenschaftlich nachgewiesen: Während zum Beispiel Ägypten vor den Demonstrationen am Tahrir-Platz in Kairo eine führende Position im touristischen Wachstum besetzte, brach der Tourismus im Februar und März 2011 um bis zu 80 % ein. Mittlerweile hat sich der Rückgang bei circa 30 % eingependelt und die Touristenzahlen gingen von 14 Millionen auf 10 Millionen zurück. Brauchen Länder wie Ägypten in einer politisch instabilen Situation Tourismus? Und wenn ja, welche Art von Tourismus?

Abseits des regen, bunten Treibens der ITB Berlin hatte sich heute Morgen eine kleine Runde zusammengefunden, um über diese Fragen zu diskutieren. In zahlreichen Podiumsdiskussionen über die Zukunft der arabischen Länder nach der Revolution würde auf der Messe ja doch jeder das Gleiche sagen: „Kommt, bereist uns, dann helft ihr der Wirtschaft!“, erklärte der Moderator Burghard Rauschelbach, Leiter des Sektorvorhabens „Tourismus und nachhaltige Entwicklung“ der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Dieser scheinbare Konsens der ITB Berlin sollte in diesem überschaubaren Rahmen nun mit kritischen Stimmen beleuchtet werden. Eingeladen waren der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler und Autor Hamed Abdel-Samad, der Soziologe Dr. Wolfgang Aschauer, die Leiterin der Redaktion „Reisen und Interkulturelles“ der taz – die tageszeitung Edith Kresta, die Beraterin für nachhaltigen Tourismus Nicole Häusler und der iranischstämmige Experte und Autor Dr. Peyman Javaher-Haghighi.

Edith Kresta plädierte für einen „Revolutionstourismus“. Diese Art des Reisens hat seine Wurzeln bei der linken Bewegung in den 1970er Jahren. Zu dieser Zeit hieß es zum Beispiel: „Wir reisen nach Nicaragua und helfen bei der Revolution.“ Die Journalistin war in den letzten Monaten mehrere Male in Tunesien und ist begeistert von der neuen Offenheit der Menschen. Sie sieht im Tourismus eine Chance für die Bevölkerung sich dem Westen weiter zu öffnen. Das Land habe als Ursprung des arabischen Frühlings zum ersten Mal ein Gesicht bekommen. Ein Alleinstellungsmerkmal, das Tunesien als Reiseziel nicht länger austauschbar mit jedem anderen All-Inclusive-Urlaubsangebot mache. Man solle als Tourist die Bevölkerung unterstützen und abseits der 3-Sterne-Clubhotels mit den Menschen ins Gespräch kommen.

Dass Touristen nicht mehr die „Autobahn der Vorurteile“  fahren, sondern in Kontakt mit den Einheimischen treten, wünscht sich auch Hamed Abdel-Samad für sein Geburtsland Ägypten. „Touristen und Ägypter beobachten sich wie im Zoo und keiner weiß, wer der Affe ist“, beschrieb der Politikwissenschaftler die Begegnung zwischen Besuchern und Gastgebern. Diese Bilder müssten jetzt diskutiert und verhandelt werden. Die Frage sei, welche Tourismusform dabei helfen kann?

Die Ethnologin Nicole Häusler hält es in diesem Zusammenhang für wichtig, die gesamte Bevölkerung am Tourismus partizipieren zu lassen. Man müsse auch dem Mittelstand die Chance bieten sich einzubringen und Unternehmen zu gründen. Diese Länder bräuchten einen Tourismus, der mittelständig orientiert ist und auch in prekären Regionen ankommt, bestätigte Edith Kersta den Ansatz des „community-based tourism“. Bisher habe sich der Tourismus wie ein rotes Band durch Ägypten gezogen, das von Urlaubern abgeklappert wurde: immer die gleichen Hotels, immer die gleichen Restaurants.

Ob Ägypten und Tunesien für diese Art des Reisens schon bereit sind, bezweifelt Dr. Wolfgang Aschauer – war der Tourismus dort doch lange Zeit ein „paradiesischer Käfig mit starken Sicherheitsmaßnahmen“. Darüber zu urteilen, ob die Reise in ein Land im politischen Umbruch gut oder schlecht ist, hält er allerdings für ethnozentristisch. Man solle doch darauf hören, was  die Bevölkerung des Ziellandes selbst wolle.

Dr. Peyman Javaher-Haghighi weiß von Bekannten und Verwandten im Iran, dass sich die iranische Bevölkerung Tourismus wünscht und offen ist gegenüber Besuchern. Die interkulturellen Begegnungen könnten sogar den Demokratisierungsprozess anstoßen, da die Iraner durch den Kontakt mit Touristen andere Lebensformen und Sichtweisen kennen lernen könnten. Der Reiseveranstalter SKR möchte genau aus diesem Grund den Iran bald in sein Angebot aufnehmen.  Für den Geschäftsführer des Familienunternehmens Thomas Müller ist die Komponente des Austauschs zentral für Tourismus in einem diktatorisch regierten Land.

Welche Rolle spielt nun Tourismus in einem politisch instabilen Land? Die Experten sind sich einig: Man braucht diesen Wirtschaftssektor tatsächlich. Aber sie sprechen sich für eine neue Form aus – weg vom Massentourismus in abgeschotteten Hotelanlagen, gesteuert von wenigen großen Reiseveranstaltern, hin zum individuellen Reisen mit Raum für Begegnungen mit Einheimischen, von dem kleine Unternehmen profitieren. Nur dann kann der Tourismus in Ländern wie Ägypten und Tunesien nach der Revolution eine positive Rolle spielen.

Zum Abschluss warf Thomas Müller noch einen wichtigen Gedanken in die Runde: „Letzten Endes entscheidet jeder Kunde selbst, ob er in den Massenbunker möchte oder etwas anderes.“ Ob diese Botschaft zu den Besuchern und Reiseveranstalter der ITB Berlin durchdringt, bleibt durch die Abgeschlossenheit und Exklusivität dieser Veranstaltung fraglich.